Der Traum – Das perfekte Paradox

Seitdem der Mensch selbst existiert, träumt er. Diskurse und Erzählungen über die mysteriöse Welt der Träume reichen bis weit in die Antike zurück. Anerkannte Anfänge in der Forschung gibt es jedoch offiziell erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Unheimlich spät erst wird in Europa damit begonnen, sich den zerebralen Vorgängen während des Schlafes zu widmen. Spät, wenn bedacht wird, dass jeder Mensch immer träumt, auch, wenn manches Mal angenommen wird, man könne sich nicht daran erinnern. Und das seit Jahrtausenden.

Im Jahre 1959 prägt der französische Wissenschaftler Michel Jouvet zwei bis heute in der Traum- und Schlafforschung wichtige Begriffe, durch die sich die Schlafperioden des Menschen zeitlich besser feststellen lassen sollen: In der Slow-Wave-Phase, zu deutsch Tiefschlaf-Phase, verringert und verlangsamt sich die Hirnaktivität, es lässt sich eine relative Muskelspannung feststellen und die menschlichen Pupillen weisen keinerlei Bewegung auf. Wird der Schlafende während dieser Periode wach, so kann er sich nur äußerst selten und schwer an das zuvor Geträumte erinnern.
Die REM-Phase, zu englisch: Rapid Eye Movement, hingegen zeichnet sich, wie der Name bereits verrät, durch schlaffe Muskeln und schnelle Augenbewegungen aus. Aufgrund der nicht angespannten Muskeln und der hohen Hirnaktivität ist diese Phase auch als paradoxer Schlaf bekannt. In dieser REM-Phase soll dementsprechend auch die höchste Traumaktivität messbar sein.

Akuter Schlafmangel kann tödlich enden

Die zuvor als erstes beschriebene Slow-Wave, bzw. Tiefschlaf-Phase, gilt für ein gesundes Leben als unersetzbare Erholungszeit und ist für den Menschen unabdingbar. Zwar ist der Schlafentzug selbst nicht direkte Ursache für den Tod; jedoch führt beispielsweise die seltene „letale familiäre Insomnie“, eine autosomal-dominante Schlafkrankheit, die chronischen Schlafentzug zur Folge hat, nach einer Zeitspanne von sechs bis 30 Monaten durch von Erschöpfung hervorgerufenem multiplem Organversagen letztendlich zum Tod.

Die Welt des Unbewussten

Am Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt die Traumforschung durch den renommierten Psychoanalytiker Sigmund Freud eine Revolution. Nach Freud stellt der Traum nämlich ausnahmslos immer den Ausdruck eines (unbewussten) Bedürfnisses oder Wunsches dar. Der Psychoanalytiker stellt eine stark auf den sexuellen Trieben des Menschen begründete Schlafsymbolik auf, nach der verschiedene Zeichen und Gegenstände im Traum ein bestimmtes Bedürfnis widerspiegeln. Andere Wissenschaftler aber kritisieren die ungenügende Ausarbeitung seiner Theorie, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass diese Symbolik universell auf jede Person übertragen und geltend gemacht werden kann. Folglich rücken das Individuum und seine persönlichen Erfahrungen in der Forschung ins Rampenlicht.

Der Traum als Chance der Selbstreflexion

Die Opposition zur Freud’schen vermeintlich allgemein gültigen Symbolik bildet dessen Schüler und späterer Traumforscher Carl Gustav Jung. Dieser unterstreicht in seiner Theorie das individuelle Erleben des Träumenden und verweist auf die selbstreflektorischen Möglichkeiten, die in einem Dialog zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten, in diesem Falle durch Träume ausgedrückt, stecken. Ausgangspunkte seiner Traumlehre und der entsprechenden Deutung sind demgemäß die bisherige persönliche Erfahrung und die aktuelle Lebenssituation des Betroffenen.

Eine zweite Realität

Paradoxerweise wird der Schlafende von wachen Beobachtern vorwiegend als friedlich, ruhig und still wahrgenommen, während jener aber möglicherweise in eben diesem Moment ein fantastisches Abenteuer erlebt, wie es nur im Traum möglich scheint. Für viele Menschen bildet die nächtliche Traumwelt einen Zufluchtsort ohnegleichen, da sich dem Träumenden Tore und Türen öffnen, die sich der wache Mensch nicht einmal vorstellen kann. Angesichts der Tatsache, dass nicht jeder Traum immer schön ist, kann der Schlaf in einigen Fällen seine eigentliche Aufgabe der Erholung missachten und für den Ruhesuchenden anstrengender werden, als jede sonstige Tätigkeit im Wachzustand. Diese Umstände ereignen sich, wenn Träume zu Alpträumen werden. Menschen, die regelmäßig an Alpträumen leiden, wünschen sich nichts sehnlicher, als während eines Alptraums die Überhand gewinnen und aus einem Horrorszenario ein schönes Erlebnis zaubern zu können.
Was bislang vielleicht wie Zauberei schien, hat besonders in den letzten Jahren beträchtlichen Einzug in Forschung und Wissenschaft gehalten: das sogenannte luzide Träumen. Unter jenem luziden Träumen versteht sich der Vorgang, währenddessen der Träumende sich bewusst ist, dass er träumt, und sogar die Kontrolle über den Verlauf des Traumes übernehmen kann. Klarträume sind Träume, in denen genau das geschieht. Durch systematische Herangehensweisen ist es mittlerweile gar möglich, Träume bewusst zu planen. Mittels verschiedenster Techniken versetzen sich Praktiker in die Lage, einen Traumvorgang zu erkennen und ihn nach ihren eigenen Belieben zu gestalten. So können tatsächlich langersehnte Wünsche in Erfüllung gehen und eben eine zweite Realität erschaffen werden.

Der Traum – das perfekte Paradox

Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass die vergleichsweise junge Traumforschung in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten noch unzählige bahnbrechende Entdeckungen vor sich hat, die zweifelsohne immensen Einfluss auf die Menschheit haben werden. Fest steht jedoch: als Ruhe und Abenteuer zum Einen, als absoluter Kontrollverlust und doch beherrschbare Sphäre zum Anderen, ist und bleibt die Traumwelt für uns zunächst ein unergründliches und nie langweilig zu werden scheinendes Mysterium der Nacht.